Feb 052015
 

Individualisierung ist das Kennzeichen moderner gesellschaftlicher Entwicklung und hat dementsprechend einen hohen Stellenwert. Individualisierung bedeutet, sich aus den vorgegebenen Fixierungen zu lösen (unter anderem von den Eltern lösen) und eine eigene Biographie zu schaffen und somit zum eigenen Gestalter zu werden. Ermöglicht wird dies durch den immer größer werdenden Markt in allen Bereichen, wie Konsumgüter, Medien, verschiedenen Lebensstilen (die eine pluralistische Gesellschaft mit verschiedenen kulturellen Normen und Werten ausmacht) und Berufsauswahl. Diese kann man auch als „Motoren“ für Individualisierung sehen. All dies bietet mehr Entscheidungsräume für den Jugendlichen, doch diese Freiheit bringt auch Entscheidungszwänge mit sich und Entscheidungsdruck entsteht, welchen jeder individuell bewältigen muss. Doch mit dieser Ambivalenz können nicht alle umgehen und daraus können Desintegrationspotenziale entstehen.

Es gibt drei Desintegrationsformen. Die erste ist die Desintegration durch die Instabilität in der Familie, welche nochmal in verschiedene Formen unterteilt werden kann. Rapide Veränderung der Familienkonstellation, wie die Abwesenheit eines Elternteils (z.B. Scheidung). Dadurch entstehen Bindungsängste und die Kinder tragen automatische mehr Verantwortung, da die Rolle des fehlenden Elternteils übernommen wird. Emotionale Desintegration entsteht durch Gewalt in der Familie oder äußere Intaktheit. Das Individuum wird eventuell nicht als „Mensch“ angesehen und das Grundbedürfnis nach Liebe wird nicht erfüllt, so dass inkonsistentes Verhalten der Eltern untereinander oder dem Kind gegenüber entsteht. Dadurch fällt es schwer Normen und Werte zu internalisieren, da sie inkonsequent vermittelt werden. Oder wenn Eltern zu viel arbeiten und die Interaktion mit dem Kind nur in kurzen Intervallen stattfindet, kann es dazu kommen, dass sich das Kind einsam und alleine fühlt.
Die zweite Desintegrationsform laut Heitmeyer ist, die Auflösung der Normen und Werte. Traditionelle Vorgaben an sozialen Strukturen fallen weg. Das Individuum weiß nicht, wie er sich in der Gesellschaft zu verhalten hat. Allgemeine Verunsicherung ist das Resultat.
Und die dritte Form ist die Desintegration durch mangelnde Teilnahme an gesellschaftlichen Institutionen. Der Jugendliche hat z.B. Schwierigkeiten einen Ausbildungsplatz zu bekommen (berufliche Desintegration).
All diese genannten Faktoren können zu einer Verunsicherung führen. Obwohl angenommen wird, dass die Ambivalenzen im Hinblick auf den Individualisierungsprozess durch Anpassungsmöglichkeiten ausgeglichen werden kann, zählt sie trotzdem als Hauptursache der Verunsicherung. Die Kennzeichen der Verunsicherung sind zum einen die emotionale Komponente (Zukunftsangst und Unsicherheitsgefühle) und zum anderen die Handlungsunsicherheit (Orientierungs-, Entscheidungsprobleme). Für Verunsicherung gibt es eine Vielzahl von Auslösern: Unlösbarkeit (wenn man nicht mehr weiter weiß), Unberechenbarkeit der eigenen Zukunft, Unklarheit über den eigenen Status, Versagen bzw. Nichterreichen von Zielen, Fehlen von stimmigen Erklärungen (z.B. für Ausgrenzung) etc.
Diese Verunsicherung kann entweder zu einer simulierenden Verunsicherung (konstruktiver Umgang mit dem Problem) oder zu einer paralysierenden Verunsicherung (Lähmungs-Zustand), aber auch zu Gewalt führen.
Bei Gewalt als mögliche Form für Verunsicherung wird unterschieden zwischen expressiver, instrumenteller und regressiver Gewalt. Expressive Gewalt wird ausgeübt um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und seine Einzigartigkeit zu unterstreichen. Die Opfer sind beliebig und zweitrangig, die handelnde Person steht im Vordergrund. Bei der instrumentellen Gewalt versucht das Individuum mit Gewalt seine Probleme zu lösen und seine Position zu sichern. Diese Gewalt ist geplant und zielt auf bestimmte Reaktionen ab. Die regressive Gewalt basiert auf politischen Motiven und richtet sich gegen Minderheiten. Zusammengefasst: Aggression ist ein Versuch der Kompensation sozialer Desintegration und persönlicher Perspektivlosigkeit.
Quelle: Samet’s Blog